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 Ernaux, Annie- Das andere Mädchen

Über die Existenz einer älteren Schwester, hat Annie als zehnjähriges Mädchen durch einen Zufall erfahren, da sie ungewollt Ihre Mutter beim Plaudern mit der Nachbarin, belauscht hat. Was das Mädchen zu hören bekommt, hinterlässt bei einem Kind unweigerlich ein Trauma. Das verstorbene Kind sei der Mutters Meinung nach, besser als dieses gewesen "Sie (die Anni) ist nicht so lieb wie sie..." Was resultiert aus so einem unbedacht gesagtem Satz für ein junges Mädchen? Wie etwickelt es sich in Angesicht der harten Worte, die ihr Denken beherrschen?

Als Erwachsene geht die Autorin in einem Brief an das verstorbene Kind, ihren Gefühlen und Gedanken nach. Ihre Art darüber nachzudenken und die Bedeutung dessen für sich herauszukristallisieren, erlebte ich als distanziert, was ich bei so einer Problematik, die einen auf keinen Fall in Wirklichkeit und Realität kalt lässt, als problematisch empfinde. Die Thematik der Auseinandersetzung mit sich selbt und mit dem verstorbenen Kind, wo man davon ausgeht, dass man nur aus dem Tod des anderen ein Recht auf Leben erhalten hat, ist mehr als dramatisch. Das hätte ich gerne bei dieser Erzählung gefühlt. Doch dem war nicht so. Vermutlich zu kurz, zu nüchtern.

Doch die intensive Sprache der Autorin ist mir aufgefallen. Nur in dem Gesamtbild, kann ich mich den Lobeshymnen nicht anschließen. Liegt womöglich auch u.a. daran, dass es sich dabei um eine Erzählung, die wirklich viel zu kurz ist, handelt. Da habe ich meine Probleme mit, da ich mir in der Regel einen ausführlichen Roman zum Thema wünsche.

 Despentes, Virginie - Liebes Arschloch


Über die Autorin:

Virginie Despentes, Jahrgang 1969, zunächst bekannt als Autorin der »Skandalbücher« »Baise-moi – Fick mich« und »King Kong Theorie«, hat sich spätestens mit ihren Vernon-Subutex-Romanen in den Olymp der zeitgenössischen französischen Schriftstellerei geschrieben. Sie ist eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Ihr Roman Apocalypse Baby wurde mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet.

Kurzbeschreibung:

Rebecca, Schauspielerin, über fünfzig und immer noch recht gut im Geschäft. Oscar, dreiundvierzig, Schriftsteller, der mit seinem zweiten Roman hadert, und Zoé, noch keine dreißig, Radikalfeministin und Social-Media-Aktivistin. Diese drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, treffen nach einem verunglückten Instagram-Post Oscars aufeinander. Wie? Digital. Und so entsteht ein fulminanter Briefroman des 21. Jahrhunderts, in dem alle wichtigen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit verhandelt werden. Rebecca, Oscar, Zoé, alle drei sind vom Leben gezeichnet, voller Wut und Hass auf andere – und auf sich selbst. Aber sie müssen erkennen, dass diese Wut sie nicht weiterbringt, sondern nur einsamer macht, dass Verständnis, Toleranz und sogar Freundschaft erlernbar und hin und wieder sogar überlebenswichtig sind.

Meine Gedanken zu dem Roman:

Ich möchte hiermit einen absolut lesenswerten Roman in Email-Form vorstellen, der an keinen der aktuellen und gesellschaftlich umstrittenen Themen vorbei schweigt, was ich sehr begrüße. Aber eins nach dem anderen: Zunächst der Titel. Da ich ordinäre Sprache gar nicht gut leiden kann, hat mir der Titel des Romans nicht gefallen, doch nach dem Lesen des Buchs kann ich verstehen, wie es dazu kam. Der Roman ist übrigens auch in einer Sprache verfasst, die ich nicht unbedingt salonfähig bezeichnen werden, doch die passt ausgezeichnet zu den Charakteren, deren Lebensstil und der Handlung.

Die Geschichte beginnt damit, dass ein erfolgreicher Schriftsteller die bekannte Schauspielerin anschreibt. Sein Kommentar ist provokant, er bezeichnet die Schauspielerin als verlebte Schlampe. Und erreicht somit sein Ziel. Rebecca antwortet ihm. Ihre Antwort lässt sich sehen: schimpfend und keifend verwünscht sie den Autor. So kommen die ins Gespräch. Und Oscar offenbart ihr, dass die schon von der Kindheit her bekannt sind und er sie verehrt, da Rabecca mit seiner Schwester befreundet war. Das, was als eine spannende Auseinandersetzung mit giftigen und schimpfenden Kommentaren beginnt, entwickelt sich zu einem tiefgründigen, philosophischen Gespräch, zweier lebenserfahrenen Menschen, das sich um die Themen dreht, die in der modernen Gesellschaft, wohl an keinem spurlos vorbeigehen. Es geht um Alkohol, Drogenabhängigkeit, Karriere, Feminismus, soziale Medien, und auch die Fragen, die die Politik und die Gesellschaft bewegen.

Von dem sprachlichen her ändert sich der Ton im Laufe des Romans. Das, was schon beinahe ordinär begann, entwickelt sich zu einer tiefgründigen, intelligenten und gut durchdachten Unterhaltung, die jedoch weiterhin witzige Momente liefert und auch flapsig bleibt. Eine besondere Rolle in dem Roman spielt auch die MeToo Geschichte.

Was mir sehr imponiert hat, die Autorin unterteilt die Dinge nicht auf Schwarz oder Weiß. Sie ist eine Meisterin der Zwischentöne und Nuancen, was ich sehr schätze. Sie zeigt die Menschen in all der psychologischen Komplexität. Nichts ist so einfach, wie es scheint.

Virginie Despentes ist für mich eine Neuentdeckung. Ich fand, dass sie eine hervorragende Erzählerin ist, und die Missstände dieser Welt kritisch und dennoch gerecht betrachten kann. Von mir gibt es 4 Sterne und eine Leseempfehlung.